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16.05.2018 | 20:30 Uhr

Neue Westfälische (Bielefeld): Lage der Gewerkschaften Schluss mit dem Schönreden! Von Günther M. Wiedemann

Bielefeld (ots) - Sie haben sich verdammt viel vorgenommen. Sie
wollen den Zusammenhalt der Gesellschaft sichern. Gute Arbeit für
alle durchsetzen. Und den digitalen Kapitalismus, der derzeit sein
Haupt erhebt wie ein feuerspuckender Drache, den wollen sie auch noch
zähmen. Das ist die Botschaft der DGB-Gewerkschaften von ihrem heute
zu Ende gehenden Bundeskongress. Es ist ein sehr hoher Anspruch. Und
vor allem einer, der vermessen wirkt angesichts der seit Jahren
sinkenden Schlagkraft der Gewerkschaften. Nur noch jeder zweite
Arbeitnehmer profitiert von einem Flächentarifvertrag. Erstmals ist
die Mitgliederzahl unter die Sechs-Millionen-Marke gesunken. Es hilft
nichts, sich diese Zahlen schönzureden. Der Graben zwischen
Gestaltungswillen und Gestaltungskraft der Gewerkschaften wird immer
größer. Das ist ja auch der Grund, weshalb dieser DGB-Kongress so
laut wie kaum ein anderer zuvor Hilfe gerufen hat. Helfen soll die
Politik. Der Gesetzgeber soll für mehr Mitbestimmungsrechte der
Betriebsräte sorgen und Tariflohn für alle vorschreiben. Nichts
anderes verbirgt sich hinter der Forderung, es müsse leichter werden,
Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Das Eingeständnis
eigener Schwäche, immer weniger Arbeitgeber in einen Tarifvertrag
zwingen zu können, passt nicht zum hohen politischen Anspruch. Es
gibt gute Gründe für das Verlangen, Unternehmen die Flucht aus
Tarifverträgen zu erschweren. Das Konzept der sozialen
Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Sozialpartnerschaft auch
praktiziert wird. Dazu gehören Tarifverträge, das muss auch das
Arbeitgeberlager wieder ernst nehmen. Aber es ist schon auch die
Aufgabe der Gewerkschaften, Arbeitnehmer davon zu überzeugen, dass
Tarifverträge nützlich sind und man deshalb in eine Gewerkschaft
eintritt. Argumente haben sie - etwa, dass Beschäftigte, für die ein
Tarifvertrag gilt, im Schnitt 20 Prozent mehr verdienen als ihre
Kollegen ohne Tarif. Die Gewerkschaften müssen sich fragen, warum
sich trotzdem nicht mehr Beschäftigte organisieren. Hierzu hörte man
auf dem Kongress zu wenig. Ebenso wie zum Thema digitaler Wandel. Im
Zeitalter des digitalen Kapitalismus müssen sich die Gewerkschaften
nicht neu erfinden. Ihr "Geschäftsmodell" der Solidarität und
Gerechtigkeit hat weiter Zukunft. Diese Begriffe müssen aber neu
übersetzt werden in die moderne Arbeitswelt. Digitalisierung ist
dabei nicht nur als Risiko zu sehen, wie dies Gewerkschaften gerne
tun, sondern auch als Chance.



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